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Sucht als Chance betrachten

Kennst du das?

Du nimmst dir vor, heute nicht zu rauchen.

Heute keine Schokolade zu essen.

Heute nicht ständig aufs Handy zu schauen.

Heute keinen Alkohol zu trinken.


Und dann kommt dieser Moment. Dieses intensive Verlangen.

Fast so, als würde dein ganzer Körper danach schreien.

Wir glauben dann: "Ich will die Zigarette."

"Ich brauche jetzt Schokolade."

"Ich brauche Alkohol."


Ich glaube, dass wir dieses Verlangen oft falsch verstehen.

Denn in meinen Augen wollen wir gar nicht die Zigarette.

Wir wollen nicht den Alkohol.

Wir wollen nicht das Essen.

Wir wollen nicht Social Media.


Wir wollen das Gefühl, das wir damit verbinden.

Vielleicht Ruhe.

Vielleicht Geborgenheit.

Vielleicht Leichtigkeit.

Vielleicht Trost.

Vielleicht das Gefühl, endlich einmal abschalten zu können.

Oder einfach für einen Moment nichts mehr fühlen zu müssen.


Die Sucht ist deshalb nicht das eigentliche Ziel.

Sie ist lediglich der Weg, den dein Gehirn irgendwann gelernt hat.

Und genau deshalb lohnt es sich, nicht nur gegen die Sucht zu kämpfen.

Sondern neugierig zu werden.

Was versuche ich mir mit meiner Sucht eigentlich zu geben?


Eye-level view of a tranquil meditation space with soft lighting
Du siehst die Welt nicht so wie sie ist, sondern durch den Filter deiner Prägungen.

Sucht ist keine Strafe – sie ist eine Einladung

Ich weiss, dieser Gedanke klingt vielleicht ungewohnt.

Aber was wäre, wenn deine Sucht gar nicht dein Feind wäre?

Was wäre, wenn sie dir etwas zeigen möchte?

Vielleicht ist sie nicht einfach ein Problem. Vielleicht ist sie eine Einladung.

Eine Einladung, endlich hinzuschauen.


Nicht auf die Sucht.

Sondern auf dich.


Denn jede Sucht versucht letztendlich, ein Bedürfnis zu erfüllen.

Vielleicht ein Bedürfnis nach Ruhe.

Nach Sicherheit.

Nach Verbindung.

Nach Freiheit.

Nach Liebe.

Nach Entspannung.

Oder einfach nach dem Gefühl, für einen Moment nicht mehr kämpfen zu müssen.


Unsere Seele spricht selten mit Worten.

Sie spricht über Gefühle. Und manchmal spricht sie auch über Symptome.

Eine Sucht kann deshalb eine Chance sein.

Nicht weil sie gut ist. Sondern weil sie uns zeigt, dass irgendwo in uns etwas gesehen werden möchte.


Warum wir immer wieder zur gleichen Lösung greifen

Unser Gehirn ist unglaublich clever.

Es möchte Energie sparen.

Deshalb merkt es sich alles, was einmal funktioniert hat.


Zum Beispiel das rauchen wird für extrem viele Lösungen genutzt.

Und mit den Jahren sammelt sich dann eine Liste von Dingen an, bei denen das Rauchen geholfen hat. Und unser Gehirn speichert diese Erfahrungen ab.

"Rauchen hilft" "Rauchen lässt mich so fühlen"


Vielleicht hast du Alkohol getrunken.

Plötzlich warst du lockerer.

Also lernt dein Gehirn:

"Alkohol macht frei."


Oder du hast stundenlang durch Social Media gescrollt.

Für einen Moment waren deine Gedanken weg.

Also entsteht:

"Social Media lenkt mich ab."


Unser Gehirn bewertet dabei nicht, ob etwas gesund oder ungesund ist.

Es fragt nur:

"Hat mir das gerade geholfen?"


Wenn die Antwort Ja lautet, speichert es diesen Weg.

Und jedes Mal, wenn ein ähnliches Gefühl auftaucht, schlägt es dir automatisch dieselbe Lösung wieder vor.


Deshalb fühlt sich Suchtverlangen oft so intensiv an.

Nicht weil du die Substanz wirklich brauchst.

Sondern weil dein Gehirn überzeugt ist, dass genau dieser Weg der schnellste ist, um wieder an das gewünschte Gefühl zu kommen.


Stell dir dein Leben wie einen Strand vor

Stell dir vor, dein Leben ist ein riesiger Strand.

An diesem Strand liegen Milliarden von Sandkörnern.

Jedes einzelne Sandkorn steht für eine Erfahrung, eine Überzeugung oder eine Möglichkeit, mit dem Leben umzugehen.

Und dann gibt es da vielleicht ein Sandkorn, das sagt:

„Nur Essen tröstet mich.“


Am Anfang ist es nur ein einziges Sandkorn.

Doch jedes Mal, wenn du traurig bist und zum Essen greifst, wächst dieses Sandkorn.

Jedes Mal, wenn du wütend bist und Essen dir Erleichterung verschafft, wächst es weiter.

Jedes Mal, wenn du dich einsam, erschöpft oder gelangweilt fühlst und Essen dir für einen kurzen Moment hilft, wird es noch grösser.


Irgendwann ist dieses eine Sandkorn so gross geworden, dass es viele andere Sandkörner überdeckt.

Sandkörner wie:

„Eine Umarmung tröstet mich.“

„Weinen tröstet mich.“

„Eine warme Dusche tut mir gut.“

„Ein Spaziergang beruhigt mich.“

„Mit jemandem zu sprechen hilft mir.“


Diese Möglichkeiten sind nicht verschwunden.

Sie liegen immer noch da.

Sie wurden nur von diesem einen riesigen Sandkorn überdeckt.


Und genau deshalb glaube ich, dass eine Sucht uns nicht mehr Möglichkeiten schenkt.

Sie nimmt uns Möglichkeiten.

Sie lässt uns glauben, dass es nur noch diesen einen Weg gibt.

Dass nur Essen tröstet.

Dass nur Alkohol entspannt.

Dass nur die Zigarette beruhigt.

Dass nur Social Media oder Gaming dieses Gefühl geben können.


Dabei hat unsere Seele so viel mehr Möglichkeiten.

Wir können sie nur irgendwann nicht mehr sehen.


Und genau deshalb ist Heilung für mich nicht, dieses grosse Sandkorn mit Gewalt wegzuschieben.


Heilung bedeutet, all die anderen Sandkörner wieder freizulegen.

Denn sie waren nie weg.

Sie waren nur verschüttet.


Meine Essstörung hat mich gerettet

Ich habe viele Jahre versucht, meine Essstörung zu bekämpfen.

Ich wollte disziplinierter werden. Ich habe Mahlzeiten geplant, mein Körper überwacht und versucht, mich abzulenken. Ich dachte, ich müsste einfach stärker sein.


Heute weiss ich, dass ich in dieser Zeit gegen das Symptom gekämpft habe.

Nicht gegen die eigentliche Ursache.


Essen war für mich die Lösung auf alles.

Wenn ich traurig war, habe ich gegessen.

Wenn ich wütend war, habe ich gegessen.

Wenn ich mich einsam fühlte, habe ich gegessen.

Wenn ich erschöpft war, habe ich gegessen.

Wenn mir langweilig war, habe ich gegessen.


Ich dachte lange, ich hätte ein Problem mit Essen.

Dabei hatte ich nie ein Problem mit Essen.

Ich hatte Gefühle, mit denen ich nicht umgehen konnte.


Und Essen war der Weg, den mein Gehirn gelernt hatte, um diese Gefühle für einen Moment leiser werden zu lassen.


Je mehr ich versuchte, das Essen zu kontrollieren, desto stärker wurde der innere Kampf.

Denn ich wollte eigentlich gar nicht das Essen loslassen.



Ich habe sehr lange versucht meine Essstörung zu versiegen aber hatte Angst,

was passiert wenn sie wirklich nicht mehr da ist.

Also habe ich daran gearbeitet loszulassen und gleichzeitig aus Angst festgehalten.

Ich wollte die Sicherheit nicht verlieren, die ich darin gefunden hatte.


Da war eine unglaubliche Angst davor, dass sich mein Körper verändert.

Die Angst, nicht mehr zu genügen.

Die Angst, abgelehnt zu werden.


Dahinter lagen auch wieder sehr viele Glaubenssätze.

Einer der beliebtesten: "Erst wenn ich so und so bin oder so und so aussehe, bin ich liebenswert"

Bei mir sind da einige Glaubenssätze zusammengekommen.

Und an denen habe ich gearbeitet. Und das ging deep.


Ich habe auf verschiedenste Arten versucht meine Essstörung und die darunterliegenden Themen zu heilen.

Ich wusste, irgendetwas musste diesen inneren Druck für einen Moment erträglicher machen.

Erst als ich begann, nicht mehr gegen das Essen zu kämpfen, sondern die Angst darunter anzuschauen, begann sich etwas zu verändern.


Ich habe angefangen hinzuschauen.

Immer wieder.

Ich habe mich mit meiner Vergangenheit beschäftigt.

Mit meinen Glaubenssätzen.

Mit meinen Verletzungen.

Mit meinen Gefühlen.


Nicht weil ich das besonders gerne gemacht habe.

Sondern weil ich heilen wollte.

Ich wollte endlich verstehen, warum ich immer wieder an denselben Punkt kam.

Und genau dort begann echte Veränderung.


Die Sucht hat mich gezwungen zu heilen

Heute sehe ich meine Essstörung mit ganz anderen Augen.

Sie war eine der schwersten Zeiten meines Lebens.

Ich wünsche sie niemandem.


Und trotzdem weiss ich heute:

Ohne sie wäre ich niemals die Frau geworden, die ich heute bin.


Sie hat mich gezwungen, hinzuschauen.

Sie hat mich gezwungen, Verantwortung für mein Inneres zu übernehmen.

Sie hat mich gezwungen, meine Vergangenheit aufzuarbeiten.

Sie hat mich gezwungen, Gefühle auszuhalten.

Und sie hat mir so viel mehr Wahrheit geschenkt als ich sonst hätte finden können.


Ich habe nicht nur meine Essstörung geheilt und Traumatas aufgearbeitet.

Ich habe eine unendlich tiefe Wertschätzung für meinen Körper entwickelt.

Mein Körper bekommt heute genau das was er möchte.

Ich esse was ich möchte, bewege mich wann ich will und wie ich will und vor allem bewerte ich meinen Körper nicht. Ich brauche meinen Körper nicht mehr zu kontrollieren, denn ich knüpfe meine Selbstliebe an keine Bedingungen mehr. Und ich fühle mich wohler und freier denn je.



Fazit


Ich glaube, dass eine Sucht unglaublich viel Leid verursachen kann.

Aber ich glaube auch, dass sie eine Chance sein kann.

Weil sie dich vielleicht näher zu deiner Wahrheit fühlt.

Weil sie dich dazu zwingt zu heilen.


Wenn wir nur die Sucht bekämpfen, bleibt die Ursache oft bestehen.

Dann sucht sie sich irgendwann einen anderen Weg.

Ein anderes Symptom.

Eine andere Strategie.

Wenn wir aber beginnen, das darunterliegende Thema zu heilen, verliert die Sucht nach und nach ihren Auftrag. Sie wird nicht mehr gebraucht.


Vielleicht darfst du beginnen, ihr zuzuhören.

Vielleicht versteckt sich dahinter ein Wunsch.

Ein Wunsch nach Ruhe.

Nach Sicherheit.

Nach Liebe.

Nach Freiheit.

Nach Trost.

Nach Verbindung.


Nicht die Sucht ist dein eigentliches Bedürfnis.

Sie ist nur der Weg, den dein Gehirn irgendwann gelernt hat.


Und genau deshalb beginnt Heilung für mich nicht dort, wo wir das Verhalten bekämpfen.

Sondern dort, wo wir beginnen zu verstehen, wonach sich unsere Seele wirklich sehnt.


Vielleicht hat deine Sucht dir jahrelang das Leben schwer gemacht.

Vielleicht hat sie dir unendlich viel genommen.

Aber vielleicht hat sie dir gleichzeitig auch etwas gezeigt.

Nämlich den Ort, an dem deine tiefste Heilung auf dich wartet.


Denn wenn wir bereit sind, nicht mehr nur das Symptom zu verändern, sondern uns selbst darunter liebevoll kennenzulernen, passiert etwas Wunderschönes.

Wir werden Schritt für Schritt freier.

Nicht, weil wir kämpfen.

Sondern weil wir verstehen.


Und vielleicht wirst du eines Tages zurückblicken und erkennen:

Die Sucht war nie das Ziel.

Sie war der Wegweiser.

Der Wegweiser zurück zu dir selbst.

 
 
 

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